Indian Days

„Raimund Kronreif“, meldete sich die Stimme am Telefon. Ich befand mich in einem Internetcafe in Berlin-Kreuzberg, das das multikulturelle Flair dieses Stadtteils widerspiegelte – vor allem die Integrationsprobleme. Die Stimme am anderen Ende der Leitung hörte mir zu. „Ich habe ihre Nummer von einem Bekannten aus Österreich bekommen. Er meinte, ich solle es mal bei ihnen probieren zwecks Indian-Teilen... da sie öfter mal etwas aus Tschechien beziehen. Ich benötige Gabel, Tank, Kleinteile für eine 101 Scout. Außer Antriebseinheit und Rahmen besitze ich nichts für dieses Modell.“" Mit einem leichten osteuropäischen Akzent antwortete er: „"Ich könnte da einiges besorgen: Rahmen 1.300 Euro, Gabel 800 bis 950 Euro, Tank circa 430 Euro .“" Mit den 600 Euro, die ich für meinen Rahmen gezahlt habe, könne konnte er nicht mithalten. Den Rahmen hatte ich privat gekauft, Gabel und den Tank konnte ich aber nicht auftreiben. Es war schon schwierig genug, überhaupt etwas Gebrauchtes für eine 28er Indian aufzutreiben. Vor wenigen Tagen telefonierte ich mit einer Indian-Koryphäe. Die bot mir an, eine Gabel für 700 Euro aus Polen zu besorgen. Meine Nummer hatte sie von einen Bekannten, von dem sie auch erfuhr was ich suchte. Dem Raimund erzählte ich nichts von diesem Telefonat. "Komm vorbei, schau dir die Sachen an, die ich mache – entweder wirst du sie mögen oder hassen." Er klang arrogant, selbstsicher, überheblich. Ich konnte nicht abstreiten, dass er mir sympathisch war. Keine Ahnung warum.

Motorräder sind mein Leben.

 

 

Januar, ich lebe in Berlin Kreuzberg, in einer heruntergekommenen WG der Oranienstraße.  Nicht jeden Monat reichte das Geld für Strom und Gas. Aussagen wie „Kauf dir gleich eine gemachte Indian!“, (für weit über 10.000 Euro) sind für mich illusorisch. Was das wohl für Menschen sind, die eine Indian fahren? Kommen sie klar mit einem, der im Winter Simson oder SR 500 fährt? Ich fragte mich, was mich beim Raimund erwarten würde. Bisher fuhr ich meist umgebaute Fahrzeuge. Die Indian- Szene ist nicht unbedingt bekannt für offene Gestaltungsformen: Neun von Zehn sind original oder sehen zumindest original aus. Am nächsten Tag rief ich Raimund an. "Wie sieht’s bei dir aus, soll ich heute kommen?" - "Klar, komm rum. Ich bin da." Irgendwie hatte dieser Tag etwas Magisches, so als ob etwas Besonderes in der Luft lag. In Berlin wehte ein eisiger Wind. Ich zog mich an und schwang mich auf die Simson. Als ich ein Teenager war, schenkte mir mein Vater zum Geburtstag eine gemeinsame Fahrt zu einer Motorradausstellung. Neugierig sah ich mir alle Hallen an. Yamaha, Honda, Suzuki, etc.. In einer Halle waren die Oldtimer untergebracht, von denen mir eines besonders auffiel: Es war eine Mabeco, ein Nachbau einer Indian 101 Scout. Lange sah ich sie mir an und fragte mich ob so etwas überhaupt fahren kann. Sie sah so anders aus als z.B. die Yamaha TDR 125, sie hatte so etwas Erhabenes.


Von der Marke Mabeco wusste ich damals nichts, von der Existenz einer Motorradmarke namens Indian, und dass die 101 Scout der Ursprung war, erfuhr ich erst Jahre später. Wie viele andere, startete auch ich zunächst mit japanischen Motorrädern. Irgendwann kamen dann die Harleys. Drei Stück waren es, bis die erste Indian bei mir einzog. Zu dieser Zeit fuhr ich einen traditionellen 70er Jahre Starrahmen Chopper: Viel Chrom, lange Gabel, Metalflake, Motorgravur, Paralleltwin – bildhübsch, aber ich war seinerzeit etwas überfordert mit Eigenwilligen Technik und Fahrpraxis.

 Ich dachte zwar, ich wisse viel und könne gut fahren, da ich seit meinem 13. Lebensjahr fuhr und schraubte, doch der Chopper belehrte mich eines besseren. Nach einigen Jahren eisernem Zähne-Zusammenbeißen, langen touren, Schieben, Umkippen, Nicht-Anbekommen und Verzweifeln gab ich auf und schaute mich nach etwas anderen um. Die doch auch zahlreichen schönen Momente verblassten, es war ein langer Winter. Anfang 2000 war mal eine zum Chopper umgebaute Indian inseriert. 18.500 DM sollte sie kosten. Seinerzeit unerreichbar für mich. Es war eine 741 Scout, 500ccm. 2006 annoncierte ich meinen Chopper in der gleichen Zeitung für 6.000 Euro. Es gab ein paar Anrufe, aber immer das gleiche. "Eigentlich suche ich eine Harley, aber das Budget lässt nur…" – nichts, was dem Chopper gerecht geworden wäre. Ich liebte diese Fahrmaschine nach wie vor. Einen Monat später wurde der Indian Chopper wieder annonciert, mit demselben Bild wie 2001, die Telefonnummer war ebenfalls noch dieselbe. Es wurden 5.500 Euro aufgerufen. Ohne TÜV, nicht fahrbereit, lange Standzeit. Ich rief an, eine Frau meldete sich. Ich fragte, ob sie an einem Tausch interessiert sei. Ihr Mann habe dies zu entscheiden, der sei aber nicht da. Mein Chopper beeindruckte durch Aussehen, nicht aber durch Markennamen. Ich ließ mir ihre Adresse geben und bot an Bilder zu senden. Falls die ihnen zusagen sollten, könnten sie sich ja bei mir melden. Zwei Tage später rief ihr Mann an. Er war hellauf begeistert. Wenn ich diesen Chopper zu ihm brächte, könne ich die Indian gleich mitnehmen. Ich rief meinen Kumpel Michel an und erzählte ihm davon. Es war Donnerstag. Am Sonntag fuhr er in den Urlaub. "Ok, dann machen wir es am Samstag." Schön, wenn man Freunde hat, auf die man sich verlassen kann.

 

Wir fuhren mit einem Mercedes Transporter in den Süden der Republik. Es war ein herrlicher Sommertag im Juni. Ein kleines Dorf, wir hielten vor der besagten Hausnummer. Außer einem großen braunen Tor war nichts zu sehen. Der Michel machte sich daran, meinen Chopper abzugurten, ich klingelte an der Tür. Zwischen den Toren war ein Spalt, durch den ich die Indian erkennen konnte. Mein Pulsschlag beschleunigte sich. Eine Frau öffnete das Tor. Sie schien erstaunt über mein Aussehen, anscheinend hatte sie jemand anderen erwartet. Auch ich tue mich manchmal schwer mit meiner Erscheinung, die so völlig Bikeruntypisch daherkommt. Mit meinem jahrelangen Vegetarismus, Alkoholverzicht, dem eher jünger wirkenden Aussehen und meiner größeren sehr schlanken Gestalt, die nicht selten ein Buch mit sich herumträgt entspreche ich definitiv nicht dem klassischen Biker-Klischee. Wenn ich ein Fahrzeug verkaufte, bezweifelten daher der eine oder andere Käufer, dass ich überhaupt in der Lage sei, ein Fahrzeug – laut eigener Aussage „überholt“ – in einen technisch vertrauenswürdigen Zustand zu versetzen.  Dieses Manko schien sich nur durch den Preis ausgleichen zu lassen . Ich lief dreimal um die Indian herum und tat so, als begutachtete ich sie, obwohl für mich klar war, dass ich dieses Motorrad haben möchte – egal in welchem Zustand. Mit Verstand war da nicht mehr viel. Man sah, dass sich jemand richtig viel Mühe mit ihr gegeben hatte, was allerdings Jahre her sein musste, denn das ganze Motorrad war reichlich mit Patina übersät. Der aktuelle Besitzer hatte keine Ahnung. Er konnte mir weder sagen, in welcher Stellung der Benzinhahn geöffnet, noch in welcher die Zündung an sei. Der Tacho stand bei Kilometer 160, ich zweifelte, ob er die Indian überhaupt gefahren war in den sechs Jahren, die er sie besaß. Ich zeigte ihm meinen Chopper. Wie ein Kunstwerk aus einer längst Vergangenen Zeit, glänzte er  im Sonnenlicht. Sofort war auch er von diesem Chopper verzaubert. Nur die Frau schien die Sache nüchtern zu überblicken. Dieses Motorrad war definitiv zu radikal für ihn. 

Es gibt viele die so etwas besitzen wollen, einige die so etwas fahren möchten und wenige die so etwas tun können. Ich erklärte ihm die Eigenheiten des Choppers. Er kickte, der Motor sprang an und er ließ ihn aufheulen. Schmerz in der Magengegend. „Da musst du durch“, sagte ich im Stillen zu mir. Mit ständigem Gas-Aufreißen fuhr er um den Block, kam lebendig wieder und ein kurzes Ok besiegelte den Deal. Freunde seines Clubs kamen und nahmen ihn beiseite. „Traust du dir dieses Fahrzeug zu?“, vernahm ich, um kurz darauf von ihm ein „Jaja“ zu hören. Sie gaben auf. Seiner Frau waren die Zweifel deutlich anzumerken. Ich setzte einen Kaufvertrag auf. Die Frau bestand darauf diesen selber zu schreiben. Die Indian war darin ohne Gewährleistung vermerkt, bei dem Chopper fehlte dieser Passus. Ich bestand darauf, dies fairerweise auch für den Chopper einzufügen. Widerwillig kam sie meiner Bitte nach. Ich lud die Indian auf, beruhigte die Frau mit „"Alles ist gut, das wird schon." und wir fuhren. Ganz wohl war mir bei der Sache nicht. Bis zu diesem Tag war der Chopper ein ganz bedeutender Teil meines Lebens gewesen. Ich wusste, dass der Chopper bei ihm nicht in den richtigen Händen ist, mochte aber nicht für jemand anderen die Verantwortung übernehmen. Jeder von uns war alt genug, Entscheidungen zu treffen.Mir war klar, auf was ich mich einlasse, bei ihm war ich mir nicht so sicher.


Wir passierten das Ortsschild auf dem Weg zur Autobahn und mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich drehte mich um und schaute vom Beifahrersitz aus nach hinten, ich hätte weinen können: Da stand sie, meine Indian. Das Sonnenlicht strahlte auf dem roten Tank, den ein riesiger Häuptlingskopf zierte. Traumhaft, einfach bildschön, unvergesslich dieser Augenblick.

 Es war bereits sieben Uhr, der Raimund erwartete mich. Eine Stunde musste ich die genannte Straße suchen. Meine Finger waren taub. Kuppeln, bremsen – nur schwerfällig folgten sie meinen Befehlen.

Etwas abseits schloss ich die Simson ab. Von außen deutete nichts darauf hin, dass hier Indians restauriert wurden, es standen nur Autos herum, Nutzfahrzeuge. Ich betrat das Gebäude., Am Tresen war niemand, doch von hinten waren Stimmen zu hören. Ich folgte diesen und stand in einer Autowerkstatt. „"Hallo, ich suche den Raimund“," sagte ich zum ersten, der mir begegnete. Er stand auf. „Folge mir“, und rief dann ins Leere: „ Raimund, Besuch für dich!“. Auf einem höher gelegenen Podest erschien jemand mit Holzfällerhemd und Wollmütze, schlank und groß. „Komm rauf!“ Durch einen schmalen Gang zwängte ich mich hoch zu ihm. Er stand am Treppenaufgang, lächelte und schien überrascht. „Früher habe ich das auch gemacht.“ Und meinte das fahren im Winter mit dem Zweirad. Eine weitere Person, die oben war, verschwand in einem Nebenraum. „Ok, du willst eine 600er Scout aufbauen., warum so ein Fahrrad?“ Ich antwortete: „Zwei Gründe: Erstens versprach ich es jemand, und ich halte immer mein Wort. Zweitens gefällt mir die 101 Scout in ihrer nüchternen Bauhaus Haltung ausgesprochen Gut.“ Er respektierte meine Absicht, blieb aber bei seinem Standpunkt, dass dies viel Zeit und Geld für eine wertarme Sache sei. Die größeren Indian Chief Modelle seien die einzigen auftreibbaren Indians, die ein kompletten Neuaufbau wenigstens annähernd finanziell rechtfertigen würden.

 

An meinen Scout Motor kam ich per Zufall. Es war Sommer und ich fuhr mit meiner 71er Harley durch die Würzburger Innenstadt, nur so zum Spaß. An einer Ampel traf ich einen Typen auf einer 30er Jahre 4-Takt Jawa im restaurierten Originalzustand. Wir grüßten uns respekthalber. Die Ampel schaltete auf grün und wir fuhren los. Die Sportster ist sehr schnell. Er blieb zurück. Ich bremste ab und fuhr im langsamem Tempo bis er mich einholte. Ich winkte ihn rechts ran, was ich sonst nicht mache, was soll man sich auch erzählen außer „Schönes Mopped. – Mmhh, deines auch. – Mmhh.“ Er hielt, wir kamen ins Gespräch. Er hatte mehrere Oldtimer vom Schlage der Jawa. Ich erzählte ihm von der Indian. „Indian…, ja, kenne ich, da habe ich noch einen Motor samt Getriebe und Primär zuhause.“ Seine ruhige unaufgeregte Art gefiel mir, dass er Professor der Philosophie war, fiel mir nicht schwer zu glauben. Den Motor kaufte er vor zehn Jahren in Thüringen. Bis zur Wende lief er in einem Traktor. Mangelwirtschaft und harter Arbeitsalltag auf dem Feld ließ nichts Gutes erhoffen. Trotzdem fragte ich ihn, ob er den Motor verkaufe. Er meinte, dass wir darüber reden könnten, gab mir seine Nummer und fuhr weiter. Zwei Wochen später war ich bei ihm zuhause und sah mir den Motor an. Er stand verstaubt in einer Ecke, neben einem bis ins kleinste Detail perfekt restaurierten Zündapp Mofa. Ihm und seiner Frau merkte man an dass sie in den 70er Jahren Hippies waren. Die Art war ihnen geblieben. Drehen ließ sich der Motor. Es waren zahlreiche Veränderungen an ihm vorgenommen worden: Der Zündmagnet stammte von einer Wehrmachts-BMW, der Vergaser von einer ostdeutschen EMW, ins Motorgehäuse wurden Löcher gebohrt, sodass er im Traktor montiert werden konnte und die Kupplung wurde gewalttätig auf Handmechanismus umgebaut. Eine Rückrüstung war nur mit Austauschteilen möglich. All das konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht erahnen. Für mich war das erst einmal ein schöner alter Motor, der einen Zündfunken hat und sich drehen lässt.
Es waren die letzten Monate in Würzburg und ich genoss diese mit meinen Kumpel Alex in vollen Zügen. Der Motor geriet in Vergessenheit, da ich mich mit dieser Aufgabe finanziell und zeitlich überfordert sah, ich war Lebenskünstler. Zwei Monate vergingen bis ich zufällig, auf der Suche nach Ersatzteilen für meine 741 Scout, einen Rahmen für genau den Motor des Professors fand. Er war günstig, neuwertig und ich konnte die Kohle dafür auftreiben. Spontan kaufte ich ihn. Das Angebot ist so schon selten genug und der Preis ließ auch kein langes Überlegen zu. Nachdem der Rahmen bezahlt war, ließ ich ihn mir zuschicken, rief den Professor an und fragte, ob der Motor noch zu haben sei. „Ja er ist noch da,“ er sagte es so, als ob der Motor nur für mich zum Verkauf stünde. Er traute mir anscheinend zu, dass ich den Motor zurück auf die Straße holen könne. Er selbst hatte es neben dem Arbeits-, und Familienalltag nicht geschafft, nach zehn Jahren gab er es nun auf. Ich sagte, dass ich den Motor gerne nochmal ansehen wollte, er war einverstanden. Da ich zu diesem Zeitpunkt gerade in Berlin war, vergingen 10 Tage. Der erneute Besuch verlief sehr freundschaftlich. Ich sah mir den Motor nochmal an, dann bat ich ihn, mit mir vor die Tür zu gehen. Draußen stand meine Harley, es war bereits Herbst, die Sonne ging langsam unter, mit T-Shirt konnte man jetzt nicht unterwegs sein. Er drehte sich eine Kippe, wir standen vor der Harley und redeten über sie. Ich nannte ihm einen Preis. Ruhig und sachlich, blieb er bei seiner Forderung, ich bat ihn, mir entgegenzukommen. In der Mitte trafen wir uns und der Motor war an mich verkauft. Ich erzählte ihm, dass ich bereits einen Rahmen für diesen kaufte, für mich gäbe es nun kein Weg zurück mehr. Tags drauf bezahlte ich den Motor und nahm ihn mit, am selben Tag traf auch der Rahmen per Spedition ein. Provisorisch hing ich den Motor rein und fühlte was daraus entstehen könnte. Eine Stunde sah ich mir diese Skulptur an, rollte Reifen heran, machte Fotos und gab mich Visionen hin. Am Abend warf ich eine Decke darüber, packte mein Zeug und ging schlafen. Am nächsten Morgen fuhr ich nach Berlin – ab jetzt wieder mein Zuhause. Würzburg war einmal.

 

Mir gefiel, wie der Raimund sich um meine Belange kümmerte, auch wenn meine Anreise per Moped im Winter erahnen ließ, dass man an mir wenig verdienen konnte. Er nahm sich Zeit, blieb aber bei seinem Standpunkt: „"Ich glaube, du hast dich da in eine Sache verrannt, die ausweglos ist. Ich finde gut, was du machst, sage dir aber: das wird teuer.“" Mir war das in diesem Moment relativ egal. Ich war nach Berlin gezogen, um eine Kunstschmiedeausbildung zu absolvieren. Zehn Lehrlinge und ein Ausbilder – schnell war klar, wo ich da gelandet bin. Ausbeuten von billigen Arbeitskräften. Solange ich aber meinen Indian Motor nach der Arbeit schrauben konnte, war ich damit einverstanden. Pünktlich um halb fünf schmiss ich den Hammer weg und packte meinen Motor aus. Alle anderen Lehrlinge schufteten weiter für umme, somit war ich ein unmotivierter Mitarbeiter, der von einem full-time-no-pay Praktikanten verdrängt werden sollte. Für so was war ich bereits zu alt. Das geschah nach drei Monaten. Somit kostete dieser Motor mir den Arbeitsplatz, in dem ich mich jedoch sowieso nie wohl gefühlt hätte. Dass der Aufbau jetzt noch unrentabler war – was soll’s, dafür steckte ich jetzt schon zu weit drinnen.
Er zeigte mir seine Indian. Es war ein stark umgebauter Chopper, gänzlich untypisch und ein Mittelfinger an die Indian- Szene. Ein Chief- Motor in einem 101er Rahmen mit Scout-Trapezgabel, geflext, geschweißt, gebogen, ohne Rücksicht auf Kulturgut. Genauso wie ich zog er aus Liebe zu den Motorrädern von Bayern nach Berlin. Genauso wie bei ihm liegen meine Wurzeln im Bannat Rumäniens. Wir sind uns da sehr ähnlich. Er erwähnte, dass er überlegt hatte, an seinem Chopper die Gabel zu verlängern, es aber aus Gründen des Aufwands wohl lassen werde. Er habe es bereits einmal gemacht, dies sei aber Jahre her. „So eine Gabel in verlängerter Version habe ich noch zuhause“, sagte ich ihm. „Ich habe noch eine 741 Scout, die ich zum Bobber umgebaut habe. Als ich sie gekauft hab, war sie im Stil eines Choppers. Die lange Gabel habe ich gegen ein Originalteil ausgetauscht, daher habe ich sie noch übrig.“ „Ist die rot?“ fragte er. Ich bejahte. „Hatte die eine Sissybar aus Edelstahl und einen breiten 15 Zoll Hinterreifen?“ Ich konnte auch dies bejahen. „Mein Gott!“ stieß er aus, fasste sich mit beiden Händen an den Kopf und schwankte ein Schritt zurück. Mit einen Lächeln im Gesicht teilte er mir mit, dass das seine erste Indian war. „Über dieses Motorrad könnte ich dir so viel erzählen… Erst vor wenigen Tagen hab ich mich gefragt, was wohl daraus geworden ist.“ Sagte er. Einen Tag zuvor hatte ich an der Indian geschraubt. Ich wollte die Zylinderköpfe tauschen, da das Kerzengewinde defekt war. Dabei stellte ich fest, dass die Köpfe ausgefräste Taschen besaßen, um Platz für einen erhöhten Kolbenhub zu schaffen. Nach dem Einbau der alten Köpfe fragte ich mich: „Mein Gott, wer hat dieses Motorrad bloß aufgebaut? Der hat ja nichts unberührt gelassen. Ob technisch oder optisch, nichts wurde vergessen. Alle Achtung! Was wohl aus dem geworden ist?“ Er erzählte weiter: „Mann, Mann… das Motorrad habe ich in Rumänien gekauft.“ Er blickte auf den Boden, mit leuchtenden Augen sagte er: „Mit meiner damaligen Freundin war ich auf meiner Z750 Parallel-Twin unterwegs als plötzlich ein wahnsinniges Böllern zu hören war. Kurz darauf schoss ein Ungetüm von einem Motorrad an mir vorbei. Es war eine Indian. Wenn nicht diese, dann muss ich eine andere haben. Ich kaufte dann die 741, die du hast, und eine Chief in Rumänien. Beide schmuggelte ich über die Grenze. Das war Mitte der 80er. Das Ceausecu-Regime war noch an der Macht, Sozialismus… Ich packte die Motorräder zerlegt ins Heck eines Ford Kombis und schmiss eine Decke drüber. An der rumänischen Grenze legte ich 200 DM in den Pass und schob ihn dem Grenzer rüber. Kurz drauf erschienen zwei Zöllner mit MG’s und meinten, dass sie den starken Verdacht haben, dass ich etwas schmuggele. Ich öffnete den Kofferraum. Sie zogen die Decke beiseite und befahlen, dass ich den Schrott beiseite schieben solle. Ab diesen Moment wusste ich, dass das Ganze eine Nummer war, um keinen Verdacht des Betruges aufkommen zu lassen. Mir ging die Pumpe, sowas hat es in sich. Jahre später als das Ceausecu-Regime gefallen war, sprach mich der gleiche Grenzer nochmal an: „Wir sind doch jetzt im Kapitalismus! Für jedes Motorrad, das ich ausführen wolle 200 DM und die Sache mit den Zoll und Ausfuhrgenehmigungen könne ich mir sparen. Er gab mir seine Telefonnummer. Ich nahm das Angebot aber nie in Anspruch. Die 741 baute ich dann in Siegen auf. Von dem Aufbau eines Choppers hatte ich noch keine Ahnung, Zubehörteile gab es auch noch kaum, sodass vieles in Eigenarbeit hergestellt werden musste. Hilfe bekam ich durch einen ortsansässigen Biker Club, der Verständnis für mein Vorhaben fanden. 1986, kurz nach dem Fertigstellen, musste ich sie dann verkaufen, um meine Schwester aus Rumänien freizukaufen. 28.000 DM musste ich hierfür auftreiben. Die 741 ging dann an eine Frau. Das war das letzte was ich von dem Motorrad noch wusste.“ Die Sache war zu unglaubwürdig, um sich darüber zu wundern. Erst später war klar, was das für ein riesengroßer Zufall war. Die Suche nach einer Blattfedergabel führte mich zu ihm, der der aus Rumänien stammte, vor der Indian eine Z750 2-Zylinder fuhr, dessen seine erste Indian meine war und für die ich meine Z750 2-Zylinder eintauschte… Uns beide trieb die Leidenschaft zu den Motorrädern von Bayern nach Berlin, und unsere Wurzeln liegen im gleichen Land. Das Leben ist eine Reise, und wir beide verstanden es, uns treiben zu lassen. Es gibt Zufälle, die Berühren einen bis tief ins Herz. Wir unterhielten uns noch eine Weile, beide im Vorraum stehend und auf seinen Chopper blickend. Gerne wollte ich ihm beim Aufbau seiner Projekte unterstützen, gerne wollte er sich helfen lassen.

 Ich war nie zufrieden mit meinen Tun, die 741 betreffend. Ich gestaltete sie nach meinen Wünschen um, verstand aber, dass mein Ergebnis, wenn es auch vom Stil mehr in die jetzige Zeit passte, nicht an die Qualität seines damaligen Aufbaus heranreichte. Aus seinem Chopper machte ich einen Bobber, ich gab mir Mühe, gestaltete, musste aber jedes Mal erneut feststellen, dass meine Arbeit ein Rückschritt zum vorherigen Zustand bedeutete. Von Monat zu Monat bereute ich es mehr, den alten Zustand nicht einfach restauriert zu haben. Der Stil war out und ich ein Sklave der Mode. Einfach nur die Schönheit eines Fahrzeuges wahrnehmen zu können – ohne die Brille der aktuellen Mode, die einem die Zeitschriften, die Treffen, die Freunde einen aufbürden! Ich bereue es zutiefst. Ein Kunstwerk weniger und der Raimund hat sein Herz dafür gegeben. Ich wünsche mir das man mit meinen Kreationen respektvoller umgeht als ich mit Raimunds erster Indian Ich habe meine Lehre daraus gezogen. Wäre es nicht besser gewesen eine andere zu nehmen, eine die nicht mit Herzblut gestaltet wurde um ihr meinen Willen aufzuzwingen? Erst die Zerstörung schafft Raum für was neues. Die Zeitungen sind voll von Zerstörten, es bedarf keines weiteren. Einzig die Erkenntnis, dass ich das gleiche gemacht habe wie er tröstet. Er nahm diese 741 und schuf sein Werk, genauso wie ich später, nur fehlte mir der Respekt gegenüber dem gutgemachten unmodischen Erstlingswerk. Alles wiederholt sich, auch dieser Stil, auch meiner, der Lauf der Zeiten.
Wir gingen wieder hoch in die Werkstatt. „Ich habe soviel zu tun, dass ich sogar schon die Kurbelwellen weg geben musste. Auch bei den anderen Projekten komme ich aus Zeitmangel nicht voran. Er formulierte diese Aussage so, dass sie sich wie eine Bitte anhörten. Gerne hätte ich ihm da geholfen, ich wusste aber nicht wie. Ich habe einen großen Respekt vor diesen unwiederbringlichen Relikten aus vergangenen Tagen. Jeder falsche Handgriff: eine Zerstörung der Geschichte. Um Schaden zu begrenzen musste man genau wissen, was man tut. Mit Fachwissen über Indian Motoren war zu diesem Zeitpunkt gering. Das sagte ich ihm. „Du könntest mir bei diesen Projekt da hinten helfen. Das soll ein Chopper werden mit Sissybar, etc. Wäre schön, wenn du dich daran beteiligst.“ Da war ich nun. Job verloren, Trennung, neue alte Umgebung, keine Perspektive und ein Angebot, dass wie eine Phantasie für mich klingt. Ruhig erklärte ich, dass ich nächste Woche einfach mal vorbeischauen würde und versuchen wolle, mich nützlich zu machen. Dann würde sich herausstellen, ob wir miteinander können. Beide sind wir Exzentriker. Der bloße Wille zusammen zu arbeiten wird da nicht reichen. Sympathie war da, ein Anfang.


Samstag, 13Uhr, kam ich wieder. Kurzes, verlegenes Rumstehen. „Sollen wir nun was machen?“ Ja, nur was? Ein Kunde kam in Begleitung seines Vaters – beides Ärzte, mit dem Wunsch, sich seinen lang gehegten Traum nun endlich zu erfüllen. Seit 13 Jahren, so sagte er, gehe er nun mit dem Gedanken schwanger eine Indian zu haben. ‚Schwanger’, das Wort benutzt er sehr oft. Es wirkte als ob er es einmal bei irgendeinem Indian-Fahrer auf einem Indian-Treffen aufgeschnappt hätte und nun glaubte, es gehöre in diesen Kreis. Irgendwie wirkte es fehlplatziert. Ich hielt mich mit meiner Meinung zurück und verfolgte den Gesprächsverlauf. Er kam gleich zur Sache: „Ich war auf dem Indian-Treffen in Schottland. Dort habe ich eine Chief gesehen und sofort gewusst: So eine soll es sein. Sie hatte große verkleidete Schutzbleche und war einfach traumhaft. Ich bin dort auch gleich dem Indian-Club beigetreten. Da ich vorübergehend ohne Anstellung bin, hatte ich Zeit beim Aufbau einer solchen Chief mitzuhelfen. Erfahrungen sammelte ich bereits an einer alten MZ. An den Motor traue ich mich aber nicht ran, da wäre ich froh, wenn du diesen Teil übernehmen würdest. Da verlasse ich mich voll auf dich.“ Was denkt der Raimund jetzt? Zu gerne hätte ich es gewusst. Der Kunde war sehr zurückhaltend. Er konnte sich selbst und seine technischen Fähigkeiten gut einschätzen. Ich konnte mich den Gedanken aber nicht entziehen, dass dies ein weiterer Typ ist, der eine Indian als Statussymbol besitzen wollte. Würde ich ihn fragen, würde er das abstreiten. Jeder Schrauber braucht Menschen, die die Vision haben, zu ihrem Glück einen Oldtimer besitzen zu müssen. Voila! Raimund schlug ein Buch auf – ‚Indian’ von Tod Raferty, der Klassiker. Beide gehen die Seiten durch, auf denen diverse restaurierte Indians abgebildet sind. „So eine soll es sein“, der Kunde zeigte auf eine ‚Dickblech Chief’, wie die verkleideten Indians inoffiziell auch genannt werden. Der bekannteste und , wie ich finde, unspektakulärste Typ der Marke, zugleich aber auch das Modell, das unverkennbar für Indian steht. Raimund wusste, wo so eine zu restaurieren steht. Über Geld wurde nicht gesprochen. Raimund schien sich seiner Sache sicher. Er schien zu wissen, was er ihm zumuten konnte und was nicht. Nach einer Dreiviertelstunde war der Kunde weg, da er sich noch zwei weitere Indians Modell 101 ansehen wollte, die jedoch optisch mit seiner ersehnten Chief nichts gemein haben. „Der zweite Kunde bereits dieses Jahr, das ist ein gutes Zeichen“, spricht der Raimund. „Ok, willst du wirklich diesen 600er Scout Motor aufbauen? Ich dachte wir bauen einen echten Racer auf.“ Er testete meine Entschlossenheit. Ich wäre einverstanden, in meinen Rahmen einen Standard Scout-Motor einzubauen und damit einen Racer aufzubauen. Den 600er 101 Motor will ich aber definitiv behalten und später aufbauen – ein Kompromiss, an dem beide Freude hätten. Fehlte nur ein geeigneter Standard Scout Motor, der sich aber schon auftreiben lassen würde. „Und wie soll das Motorrad aussehen?“, wollte der Raimund wissen. „Ein 30er Jahre Bahnrenner, 23 Felgen vorne und hinten mit schmalen 3.00 Zoll breiten Reifen. Hoch, schlank, schnell. Wenig Fahrzeug, viel Motor.“ Er nickte zufrieden.

Wir gingen runter in die Halle, er zeigte mir diverse Projekte, die er umsetzen wollte. Wir tranken Bier und quatschten mit den Jungs aus der angrenzenden Werkstatt. Arbeiterklasse, ich fühlte mich wohl unter ihnen. Nach einiger Zeit fragte mich ein Mechaniker: „Sag mal, wer bist du überhaupt?“ Er wandte sich zum Raimund um. „So wie es aussieht, kennt ihr euch schon länger", legte er noch nach. Ich übernahm das Antworten für den Raimund: „Ach, ich kaufte nur vor einiger Zeit seine erste Indian!“ Wir unterhielten uns noch ein bisschen, dann zog ich mich zurück und ließ die beiden reden. Ich wurde traurig, nachdenklich, vielleicht aus Hunger. Das Angebot von Raimund, ihm bei der Restaurierung von Indians behilflich zu sein erfreute mich. Der Gedanke, dass dies nur eine leere Blase sei, bescherte mir Angst. Mein Charakter ist mir bewusst, kein Charakter der ein Zusammenarbeiten vereinfacht. In diesen Moment konnte ich ihm nicht in die Augen sehen. Immer wenn ich es versuchte, zwangen mich meine Nerven wegzusehen. Er bemerkte das. Ich begriff, wie schwierig es ist, wenn zwei exzentrische Menschen zusammenarbeiten wollen. Ich hasste mich für meinen Charakter, sehnte mich danach einfacher zu sein. Traurig. Ich sah den kurzen Traum beendet, noch bevor er überhaupt losging, wie so oft in meinen Leben. Ich wollte fahren. Im Geiste entschuldigte ich mich tausendmal, keiner bekam dies mit. Ich drehte mich zu den beiden um und sagte: „Ich fahre dann heim was kochen.“ Die geistige Vergewaltigung in meinen Kopf wurde unerträglich, Flucht schien mir die beste Lösung zu sein. Raimund ging mit mir hoch, wo noch meine Sachen lagen. Ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte. Im Kopf lief das Kino weiter: ‚Ist schon gut, du musst dich nicht entschuldigen. Ich weiß, es geht halt nicht. Es wäre schön gewesen, aber wir sind zu verschieden, wie es mir halt immer widerfährt. Mach’s gut, wir sehen uns bestimmt einmal. Er sprach mit mir über zwei, drei geschäftliche Dinge. Die Atmosphäre wurde lockerer. Das Kopfkino beendet. Jetzt, unter vier Augen, wusste ich wieder, dass wir die gleichen verrückten Motorradfanatiker sind wie ich zu Beginn annahm. Mir ging es schlagartig besser. Er begleitete mich noch bis zu Tür. „Bis in Kürze.“

Von diesem Zeitpunkt an, arbeitete ich dann für ihn. Der Alptraum war ausgeträumt. Ich restaurierte Indians.